"Auch ein Mensch mit Behinderung kann ein Arschloch sein"

Wie lebt es sich eigentlich in Deutschland mit einer Behinderung? Aktivist Raul Krauthausen weiß es. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen aus der Rollstuhlperspektive und gibt Tipps für einen unverkrampften Umgang mit behinderten Menschen.

Herr Krauthausen, sprechen wir doch mal über… ja, über was eigentlich? Behinderung, Handicap, eingeschränkte Mobilität? Wie sagt man das eigentlich richtig in Deutschland?

Naja, es ist ja nicht jeder Mensch mit Behinderung in seiner Mobilität eingeschränkt. Deswegen kann das schon mal nicht für alle gelten. Ich bin immer ein Freund von Offenheit und Ehrlichkeit und ziehe darum die Bezeichnung "behinderte Menschen" oder "Menschen mit Behinderung" vor. Das Wort "Handicap" versuche ich zu vermeiden. Das ist eine unnötige Beschönigung, die im angelsächsischen Raum sogar negativ konotiert ist. Dort bezeichnet es jemanden, der ein "Cap" in der Hand hält, der also bettelt. Wichtig ist vor allem, dass das Wort "Mensch" vorkommt. Die neutralste Formulierung ist wohl "behinderter Mensch", weil sie offenlässt, ob die Person behindert ist oder behindert wird.

Kränkt es Sie, wenn Begriffe wie „behindert“, „Spast“ oder „Mongo“ im Alltag als Schimpfwort verwendet werden?

Ich höre sowas eigentlich nicht. Wenn doch, würde es mich vermutlich kränken. Aber es ist ja dann doch eher Jugendsprache. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob Jugendliche das wirklich auch thematisch verbinden. Ich möchte das gar nicht verharmlosen oder genehmigen, aber vielleicht ist es doch schlichtweg ein unbewusster Gebrauch dieser Begriffe, ohne gleich den oder die behinderten Menschen beleidigen zu wollen. Randgruppen müssen ja öfters herhalten für das Andersartige. Ich denke, das ist ein ganz typisches Phänomen. „Schwul“ wird ja leider auch als negatives Adjektiv benutzt. Jüngere Menschen bedienen sich einfach solcher Begriffe, um sich als die selbstgegebene Mehrheit von den anderen, der Minderheit, abzugrenzen.

Sie sind in Lima geboren, aber hier aufgewachsen. Was ist typisch deutsch, wenn es um Behinderung geht?

Im Bezug auf Behinderung sind die Deutschen sehr bemüht, stehen sich aber dabei auch selbst im Weg. Sie sprechen viel über behinderte Menschen, aber nicht wirklich mit ihnen. Ich beobachte da einen fehlenden Pragmatismus. Weil die Deutschen generell so ein bürokratisches Volk sind, verstecken sie sich gerne hinter Regeln und Bestimmungen. Alles muss immer überkorrekt sein. Wir problematisieren einfach zuviel, anstatt einfach mal zu gucken, wo die Gemeinsamkeiten sind und wie man einen einfachen, entkrampften Weg finden kann, eine selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung und ohne Behinderung zu ermöglichen.

Aktuell ist überall das Stichwort „Inklusion“ zu hören. Wo liegt überhaupt der Unterschied zur „Integration“?

Integration bedeutet ja, eine vermeintliche Minderheit in eine vermeintliche Mehrheit zu integrieren. Diese Mehrheit verfügt dann über eine Deutungshoheit, und die Minderheit muss sozusagen dankbar sein, überhaupt aufgenommen worden zu sein. Es bleibt immer das „Wir“ versus „die Anderen“. Die Inklusion versucht, dieses Konstrukt aufzulösen, zu sagen: Jeder ist anders, und jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse wie auch Talente. Dabei geht es nicht nur darum, behindert oder nichtbehindert zu sein, sondern einfach darum, dass der Mensch sich in einer Gesellschaft in seiner Vielfältigkeit entfalten kann.

Und wie weit sind wir in der Zielsetzung einer inklusiven Gesellschaft schon gekommen?

Inklusion ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Jeder muss bei sich selbst ansetzen und sich fragen: Wo muss ich mich eigentlich mit dem Andersartigen, dem Fremden auseinandersetzen? Wie gehe ich damit um, wie reagiere ich darauf? Ich selbst blicke da natürlich durch eine gewisse Brille, weil ich mich schon jahrelang intensiv damit befasse und von Menschen umgeben bin, die ebenfalls viel darüber reden. Im Zuge der UN-Behindertenrechtskonvention entwickelt sich aber gerade eine Debatte, die unsere Denkweise nach und nach verändern wird. Allein im Bildungsbereich ist das Thema ja fast täglich präsent, also auf jeden Fall mehr als noch vor ein paar Jahren.

Wie schätzen Sie die Debatte um die Inklusion an Schulen ein?

Endlich beschäftigt man sich damit! Interessant finde ich auch, dass sich der Diskurs wiederholt: Als ich Teenager war, wurden genau die gleichen Debatten bezüglich des sogenannten Migrationshintergrunds geführt. Allerdings neigen die Deutschen dazu, sich lieber in solche Debatten zu verstricken, als pragmatisch zu überlegen, wo die Lösungen liegen. Inklusion erfordert Geld und Anstrengungen. Keine Frage. Aber es geht nicht mehr um das “ob”, sondern um das “wie”. Das haben viele Menschen noch nicht verstanden.

Das Gegenteil von Inklusion ist die Diskriminierung. Und die kommt ja nicht immer nur im bösartigen Gewand daher. Erleben Sie auch Positiv-Diskriminierung?

Na klar, solche Situationen gibt es recht häufig. Da fahre ich den Leuten in der Bahn über den Fuß, und sie entschuldigen sich dafür bei mir. Das ist natürlich bizarr. Ich merke auch oft, dass Menschen mir gegenüber grundsätzlich erst mal positiv eingestellt sind, obwohl ich ja vielleicht auch ein Charakterschwein sein könnte. Das nehme ich natürlich wohlwollend zur Kenntnis, aber das muss auch nicht sein.

Inklusion heißt also, den Mensch so zu sehen wie er ist, und nicht den Rollstuhl darunter.

Genau. Auch ein Mensch mit Behinderung kann ein Arschloch sein.

Wie gehen Sie damit um, wenn Ihr Gegenüber offensichtlich nicht weiß, wie er sich verhalten soll?

Mein Trick in solchen Momenten ist Humor. So kann ich im Gespräch auf empathische Weise Informationen einstreuen, die dem anderen helfen, sich etwas zu entspannen. Natürlich ist das nicht immer so einfach. Man ist ja auch mal schlecht drauf und will nicht immer derjenige sein, der gute Laune verbreitet. Die Erfahrung sagt mir aber, dass es funktioniert. Vielleicht kommt diese Verantwortung ganz automatisch mit der Tatsache meiner Behinderung zu mir. Auch wenn ich sie nicht immer gern übernehme.

Das heißt, Sie spielen dann die Rolle des fröhlichen behinderten Menschen?

Ja, zumindest für den Anfang. Aber eben nicht dauerhaft. Die Unsicherheit verfliegt dann auch relativ schnell.

Oft lässt sich ja beobachten, dass Kinder mit dem Finger zeigen und die Eltern damit total überfordert sind. Was raten Sie den Eltern?

Ich plädiere dafür, dass Eltern offen und ehrlich mit ihren Kindern umgehen. Wenn gefragt wird: „Mama, warum sitzt der Mann im Rollstuhl?“, dann wäre wohl die beste Antwort: „Ich weiß es nicht, aber wenn du möchtest, können wir nachfragen“. Da verschwindet der Zeigefinger von selbst, und die meisten mir bekannten Menschen mit Behinderung versinken da nicht vor Scham im Boden, sondern geben eine ehrliche Antwort. Wichtig ist auch, dass der Rollstuhl als ein Element erklärt wird, das Mobilität ermöglicht: Der eine läuft, der andere fährt eben. Es sollte also schon früh ein zwangloser Umgang mit dem Thema angestrebt werden. Kinder sind da auch generell empfänglicher, viel schneller als Erwachsene. Nach drei Minuten ist die erste Neugier oft gestillt und die Behinderung wird als normal akzeptiert.

Und wie sieht es mit Journalisten und anderen Medienvertretern in Deutschland aus? Gibt es hier einen angemessenen – wenn nicht sogar entspannten – Umgang mit dem Thema Behinderung?

Fragen zu stellen ist das eine. Schwierig wird es nur manchmal mit dem, was Journalisten daraus machen. Oft ist es so, dass jemand aus seiner nichtbehinderten Perspektive meint zu wissen, wie sich der Behinderte fühlt. Da fallen dann so Sätze wie „Trotz seiner Behinderung meistert Herr Krauthausen tapfer sein Schicksal“. So sehe ich das nicht! Ich lebe einfach mein Leben mit meiner Behinderung, so wie andere mit ihren blonden Haaren. Die Annahme, dass wir Menschen mit Behinderung permanent leiden, finde ich schwierig. Blinde Menschen leben auch nicht zwangsläufig in „totaler Dunkelheit“, wenn sie nicht wissen, was Licht ist. Ebenso wenig wie Gehörlose in „totaler Stille“ leben. Und ein Rollstuhlfahrer ist nicht an den Rollstuhl gefesselt, sondern er sitzt darin, damit er sich fortbewegen kann. Diese Perspektive geht da oft unter.

Was für Tabus müssen noch aus dem Weg geräumt werden, wenn man über Behinderung spricht?

Sexualität und Behinderung ist immer noch ein starkes Tabu. Wir neigen gerade in den Medien dazu, diese Sache sehr nüchtern zu behandeln, indem wir zum Beispiel Fachkräfte wie Sexualassistentinnen und –assistenten und sogenannte Berührerinnen und Berührer befragen. Aber eigentlich wird die ganze Zeit rumgeeiert oder schlicht nicht ausgesprochen, was wirklich als Frage dahinter steht: Kann ich mir eigentlich eine Beziehung mit einem behinderten Partner oder einer Partnerin vorstellen?

Wie sieht es aus mit dem Humor?

Behinderung und Humor ist in der Tat ein weiteres Tabu. Wobei das schon deutlich abgeschwächt wurde. Der Kinofilm „Ziemlich beste Freunde“ beispielsweise hat den Deutschen ja schon gezeigt, dass man da durchaus mal lachen darf – etwa über die Absurdität einer Alltagssituation. Solange man nicht über Menschen mit Behinderung lacht, sondern mit ihnen, ist das völlig ok. Lachen gehört ja auch zur Normalität und öffnet Menschen gegenüber anderen.

 

Interview: Rachel Kapuja

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Raul Krauthausen ist Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit und lebt in Berlin. Er hat Osteogenesis Imperfecta (Glasknochen) und nutzt einen Rollstuhl. Gemeinsam mit seinem Cousin gründete er 2004 den gemeinnützigen Verein Sozialhelden. Zu seinen aktuellen Projekten gehört die Seite www.leidmedien.de, die Tipps für eine klischeefreie Berichterstattung über behinderte Menschen zur Verfügung stellt, sowie die Wheelmap, eine Online-Karte für rollstuhlgerechte Orte. Im Januar 2014 veröffentlichte er seine Biographie “Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive”.


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